elisabeth masé
                        
                     
 
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Una ragione per amare l'Amerika di Masé allo Studio Tommaseo 18.08.2017

Im Gespräch: Elke Engelhardt redet mit der Künstlerin Elisabeth Masé

Fix Poetry, 27.07.2017

Ausgestickt und ausgestellt NW 18.07.2017

Mit „Das Kleid“ schafft die Künstlerin Elisabeth Masé eine soziale Skulptur

Körperkleider zwischen Kunst und Mode

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Die Musen der Malerin Elisabeth Masé

kunst:stück

  Knoten, Verflechtungen und Anfänge
Elke Engelhardt, Fixpoetry

Fixpeotry, Feuilleton
19.05.2014
Hamburg

Erneut Fäden. Die miteinander verbunden sind. Die gelöst werden müssen, durchgeschnitten, entwirrt. Darum geht es. Darum fällt es mir schwer, einen Anfang zu finden.
Fäden und Fadenscheinigkeit, überall wo erzählt wird. Wir weben Muster weiter, trennen sie auf. Die Geschichte von Penelope ist auch die Geschichte vom Erzählen. Die Grundbedingung dafür, im Erzählen eine Heimat zu finden. Diese Gedanken hatte ich zu Elisabeth Masés erstem, bei Kleinheinrich erschienen, Künstlerbuch „Der Hibiskus blutet“, notiert.
Elisabeth Masé hat den roten Faden erneut in ihrer Bilder gestickt. Während es beim Hibiskus Mutterbilder einer besonderen Art waren, verschlossene Münder und Frauen, die statt neuem Leben den Tod im Schoß bargen, setzt sie sich in „Amerika give me a reason to love you“, auch mit männlicher Aggression auseinander. Mit Sexualität, Krieg und Gewalt. Und wieder ist die Frau das Opfer. Statt Kinder Küche  Kirche heißen ihre Koordinaten nun Verstümmelung  Verwundung Vergewaltigung. Erweitert um ein weiteres V, das vielleicht grausamste, weil weitreichendste: Vererbung.
Bei den Bildern aus „Der Hibiskus blutet“ erinnerten mich die Fäden an Ariadne und Penelope, an Annegret Soltau und natürlich an Louise Bourgeois: die Spinne als Mutter, das Netz von Familie und Kindheit, in dem wir gleichzeitig gefangen und geborgen sind.
Und vielleicht geht das alles auf diesen Faden zurück mit dem wir am Anfang unseres Lebens verbunden sind: die Nabelschnur.
Diese Verbindung: Verletzung und Heilung zugleich. Ausdruck unserer Doppelnatur, oder unserer Verlorenheit zwischen gegensätzlichen Polen.
Bei den Bildern, die Masé für „Amerika give me a reason to love you“ ausgewählt hat, bekommen die Fäden eine neue Bedeutung, eine andere Dimension. In den Vordergrund tritt die Trennlinie, die Narbe. Und damit die Frage nach der Grenze: wo ist noch Verletzung und wo beginnt schon die Heilung? Auch wenn zwangsläufig eine Narbe bleiben wird. Nichts wird wieder so sein wie vorher, vor diesem Schnitt.
Damit verbunden tut sich eine weitere Frage auf: Was hat dieser Schnitt mit mir zu tun? Welche Rolle spielt der Körper für die Identität? Augen und blinde Flecken, alles zusammengehalten von blutroten Fäden.
Für meine Leseart sind diese Bücher („Der Hibiskus blutet“ und „Amerika give me a reason to love you“) eine sehr aufrichtige Auseinandersetzung mit der Rolle, die Schmerz in der individuellen Entwicklung spielt.
Eine Entwicklung, die nachvollzogen werden kann anhand der Fäden, die auch ein Wegweiser sind, vielleicht ist das, was Elisabeth Masé in die erste der im Buch abgebildeten Zeichnungen eingestickt hat, zugleich Auslöser für die Auseinandersetzung und Wegweiser durch das Buch: „A reason to love me“.
Masé befreit sich mit diesen Bildern von der Notwendigkeit anderen einen Grund zu geben, sie zu lieben. Statt dessen blickt sie hinter die Masken, verschließt die Augen nicht länger vor den Verletzungen, um Frieden schließen zu können mit den Narben, die sie gezeichnet haben, um sie als Teil ihrer selbst anzunehmen.
Die Masken, das sind auch die Klischees vom tapferen Cowboy, vom Helden, die es zu durchschauen (oder noch besser, wie Elisabeth Masé es vorschlägt; auszulachen) gilt.
Die Verstrickungen, mit denen Masés Bilder operieren, finden sich auch in ihren Texten. So einfach reimt sich Mensch nicht auf Mensch. Die Sprache, weit davon entfernt das Medium zu sein, um alles einfach aussprechen zu können, kann wie ein weiterer Maulkorb erscheinen, noch eine Möglichkeit, sich zu verstecken, vor dem Erkennen zu fliehen.
So heißt es in dem Gedicht „Amerika“:
         [¡K]        

Ach, wirf ihn weg,
den blöden Haufen        
Vokabelpack        
mit Glitzerschlaufen,        
denn fremd vor Ort        
bleibt jedes Wort        
im Maulkorb stecken,        
zerfetzt, verprellt,        
was doch nicht reimt        
und weint und weint.

Illustriert werden derartige Gedanken zum Beispiel mit der Doppelgesichtigkeit eines Soldaten, der den Feind durch die Hölle schickt und nach seiner Mutter ruft. Mensch und Ungeheuer, Opfer und Täter.
Masés Bilder (und Texte) haben die Kraft diesen Widerspruch, der die ewige Triebfeder für Kunst ist, abzubilden und auszuhalten. Sie hat den Mut, sich mit diesem Satz auseinander zu setzen, der in eines der düstersten Bilder gestickt ist
„Mama die Nacht hat zwei Enden“
Es ist eines der wenigen Bilder, auf denen kein Blut fließt, hier herrscht nur Dunkelheit, Nacht, Angst und Sprachlosigkeit.
Die Geschichten hingegen erzählen von Scham und Selbstwert, von dem, was man nach außen trägt, und dem, was sich darunter verbirgt.
Eine zutiefst weibliche Gewalt begegnet mir in den Bildern und auch in der Erzählung „Nur irgendwo“, eine subtile und in erster Linie gegen sich selbst gerichtete Gewalt. Vielleicht ist sie nötig, um sich von den Fäden zu lösen, und sich statt dessen vernarbt, aber selbstbestimmt, zu bewegen. Verbindungen einzugehen, statt das Disparate miteinander zu vernähen. Vielleicht ist genau das der Kern der Entwicklung.
Entwicklung als Weg heraus aus dieser Verstrickung in sich selbst, wo mit Gewalt an Fäden gezogen wird, die einschnüren, die schmerzhafte Knoten bilden, wo eine lockere Verknüpfung sein sollte.
Und wenn schließlich die Gewalt in den Bildern farbig explodiert und einen Jahrmarkt der Grausamkeiten zu bieten scheint, glaube ich zu verstehen, wie schwer es ist, das Gewebe des Lebens weiter zu knüpfen, wie notwendig es werden kann, etwas aufzutrennen, Nähte  zu lösen und Verbindungen aufzutrennen.
In der Zartheit von Masés Bildern sehe ich die Kraft, die im Verlieren liegt, im Loslassen der Verletzungen, die einmal wahrgenommen langsam vernarben können, statt sich in schamvollen Verstecken weiter zu verbergen.
Die Bilder stellen eine eigene Ordnung her. Die, zugegeben schmerzhafte, Möglichkeit, das Gewebe aus dem die eigene Lebensgeschichte gemacht ist, so anzuordnen, dass es hält.

Elisabeth Masé
MMXIII Amerika
Give Me a Reason to Love You
300 nummerierte und signierte Exemplare.
Kleinheinrich
80,00 Euro
ISBN:
978-3-930754-86-1
Elisabeth Masé
Der Hibiskus blutet
The Hibiscus is Bleeding
Einmalige Auflage 300 Exemplare
Kleinheinrich
80,00 Euro
ISBN:
978-3-930754-62-5
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Rezension: Fixpoetry Feuilleton