elisabeth masé
                        
                     
 
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200 Frauen (Please click to read more)

Interview MATRIX 4/2016 (46)

Empathie und Anarchie

Mützenfalterin (Blog)

die poesie der beschreibung

Auch die Vorschau ist Wirklichkeit

Una ragione per amare l'Amerika di Masé allo Studio Tommaseo 18.08.2017

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Fix Poetry, 27.07.2017

Ausgestickt und ausgestellt NW 18.07.2017

Mit „Das Kleid“ schafft die Künstlerin Elisabeth Masé eine soziale Skulptur

Körperkleider zwischen Kunst und Mode

Geschichte aus zinnoberrotem Faden

Erzählstoff

Knoten, Verflechtungen und Anfänge

Gratwanderung inmitten des Grauens

Unterwegs im Albtraumhaften

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Elisabeth Masé - Faszinierend, irritierend. Künstler-Lexikon widmet Malerin ein Heft

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Träume von Menschen

Die Musen der Malerin Elisabeth Masé

kunst:stück

  Empathie und Anarchie
Christiane Heuwinkel

Zur Ausstellung Elisabeth Masé: Papa pfui! in der Galerie van Laak-Bérenger



Dieser Mann ist wichtig. Das zeigt nicht nur die übergroße weiße Kappe mit dem schwarzen Lacklederrand, sondern auch sein weißes Offiziersjackett mit weißem Hemd und würgend hochgezurrter, schwarzer Krawatte. Denn er hat drei Augen, zwei Nasen und zwei Münder. Und doch kann kein Kommandoton aus diesem Großmaul kommen, sind doch seine Lippen nicht nur fest aufeinander gepresst, sondern zusammengenäht.

Kein Wort kommt über seine Lippen, dafür hat Elisabeth Masés roter Faden gesorgt, mit dem sie ihre Bilderzählung weiterspinnt: „HELL O MAMA“ ist mit scheinbar ungelenker Stickerei seinem Brustkorb aufgesetzt. Dieser Marineoffizier (?), dessen gesamte Körperhaltung man wohl mit dem Befehl „Hände an die Hosennaht!“ fassen könnte, dessen buschige Augenbrauen, dessen durchdringender Blick und fledermausartig abstehende Ohren nur Männlichkeit hervorzupressen scheinen, ruft nach seiner Mama - und damit gleichzeitig die Hölle auf. Das harmlos-liebenswerte „Hello Mama“ wird bei Elisabeth Masé zum abgründigen „HELL O MAMA!“ Ein Abgrund – ein Spiel.

Das männliche Froschwesen daneben wirkt so lässig und elegant mit seinen langen, übereinander geschlagenen Beinen, dass es auf eine Sitzgelegenheit absolut verzichten kann. (Und wir Betrachter wissen, er kann sich dabei nur um einen exklusiven Freischwinger handeln.) Das perfekt arrangierte, wohl getupfte Seidentüchlein im Hemdkragen wie sein abgeklärt-gelassener Blick auf die Welt lassen ihn als Aristokraten seiner Art erscheinen, einer „High“-Society sozusagen, die er wie ein Hinweisschild auf seinem Glatzkopf trägt und das ihn anderseits wie ein Hinkelstein auch niederzudrücken scheint. Die Fallhöhe seiner Art erscheint groß.

Und groß sind auch gewisse Körperteile, die die Helden dieser „Männergruppe“ vor sich her tragen, an denen sie schwer tragen, die sie auch (er)tragen, so wie der gespornte, sich breitbeinig uns präsentierende Westerner, dessen Kopf übergangslos zum Phallus wird und der mit dieser – sozusagen - Synthese von Körper und Geist ziemlich glücklich wirkt, hätte ihm die Künstlerin nicht scheinbar liebevoll noch einzelne Sackhaare kommentierend und perforierend eingestickt.

Elisabeth Masés Helden sind tragisch und komisch. Zahlreiche Aquarelle zeigen Männer in Momenten der Verwandlung, der Ab- und Auflösung. So schlüpft aus einer stattlichen Anzugsfigur, der das Wort „Papa“ mit rotem Faden aufgenäht ist, ein fragiler junger Mann wie ein Neugeborenes aus dem Mutterleib, und der olivgrüne Militär lässt seine „nackte Kanone“ explodieren.

Elisabeth Masés Helden sind hart – und auch zart. So kontrastiert sie geradezu unflätige Frechheiten wie das blutrot gestickte, schweizerische „Gruezi!“ des Alligator-Fledermaus-Manns mit einer subtil gefassten Körper- und Handhaltung, die es uns erlaubt, über die Figuren zu lachen wie auch, uns in ihren Bewegungen und Haltungen, ihren Verdruckstheiten und präpotenten Positionen wiederzufinden.

Wiederfinden – das können sich auch die Frauen, etwa in den rot aquarellierten Körperstudien im anderen Raum: Etwa in der Profilfigur, auf deren gekrümmtem Rücken sich gestickte Linien nackenhaarengleich aufzustellen scheinen: Nadeln, Borsten der Abwehr, vielleicht auch Antennen. Dazu kommen pfeilartig aus den Augen heraus schießende Fadenlinien, aus dem Mund herunter tropfende und aus der Brust hervor spritzende Aquarellspuren. So passiv gekrümmt die Haltung wirkt, so explosiv sich entäußernd kontrastiert die Künstlerin die Organe ihrer Figur.
Dagegen steht eine andere weibliche Figur uns direkt gegenüber. Nackt, nur mit einer Art weißer Unterhose bekleidet, die wie eine Leerstelle wirkt – gehalten und verfügt nur durch zwei rote Fäden. Fäden, die den dissoziierten Körper wieder zusammenfügen, aber seine Wunden, Nahtstellen nur um so sichtbarer erscheinen lassen.

Eine Figur wie in einem Kokon finden wir dort ebenso. Ein in sich versammelt wirkendes Gesicht, eine sie umgebende, schützende Körperhülle, darunter nackte Füße. Ein scheinbar leicht hingehuschtes Aquarell, arbeitet Elisabeth Masé doch auch Nass-in-Nass, was jede Korrekturmöglichkeit unterbindet. Scheinbar fleckig und unförmig, zeigen die stachelig über den Trockenrand hinausgehenden Pinselspritzer doch genauestens, dass diese Figur Schutz braucht und Abwehr sucht. Um eine „Sprache für Körpergefühle“ geht es der Künstlerin, etwa, wenn alle an einem zu zerren scheinen, einem alles zu viel wird und man sich nur einen flauschigen Pelz zum Rückzug wünscht.

Schutz und Abwehr – Schwäche und Stärke – Rückzug und Entäußerung: vielleicht sind dies auch Grundthemen, die die Künstlerin zum Motiv des Kindes geführt haben, das Gefühle ungeschützt und ungehemmt zum Ausdruck bringt.

So sehen wir eine Reihe von Kindern, Kindern mit bunten Kugeln, Bällen vielleicht, doch haben sie nichts kindlich Unschuldiges (was wir Erwachsenen ihnen kenntnislos ja gern unterstellen). So balanciert eine Kinderfigur im blaugestreiften Spielanzug auf einem grünen Ball. Um es herum bunte Kreise wie Luftballons. Und dann das schiere Entsetzen, erkennen wir, dass ein weiterer grüner Ball anstelle des Kopfes sitzt, der heruntergefallen ist und aus dessen Mund und Ohren Blut bzw. rote Aquarellfarbe spritzt. In die bunt verspielte Leichtigkeit schiebt sich das Grauen hinein. Aber für ein Kind ist ein Spiel nicht nur ein Spiel. Es ist der Ernstfall, es ist das Leben. Doch illustriert die Künstlerin keinesfalls die Härten der Kindheit, vielmehr nimmt sie Gefühle, die wir alle – noch – kennen, zum Ausgangspunkt ihrer assoziativen Gedanken- und Bildcollagen. So erscheint es nicht zufällig, dass sie Elemente, Bildpartikel, in ihre Bilder hineinklebt, sie mit rotem Faden einnäht, und damit gleichzeitig verbindet, als auch durch die Nahtstellen als Bruchstellen offen legt. Oder dass die farbigen Kreise gleichzeitig „lesbar“ sind als Bälle, Ballons, manchmal auch als Planeten eines unbekannten Universums, oder bei dem Bild mit dem uniformierten Kind als Bomben oder Kanonenkugeln. Und sie funktionieren auch als abstraktes Gegengewicht zur ihren Bilderzählungen, halten sie in der Schwebe wie ein Mobile, das immer im Gleichgewicht und immer in Bewegung bleibt. Diese Bewegung, die Beweglichkeit, ist vielleicht ein Charakteristikum ihrer Aquarelle. Sie wirken wie Torpedos: klein, schnell und treffgenau. (Man verzeihe die militärische Assoziation, die durch die schwarzen „Bomben“ ausgelöst wurde).

Als ich Elisabeth Masés Arbeiten vor über 12 Jahren kennen lernte, waren sie für mich streng, ätherisch, schön, irgendwie ungreifbar – auch unangreifbar. Es waren farblich hinreißend kombinierte Stoffarbeiten, später dann die Raumkonzepte für beispielsweise die Cappella Hospitalis oder den Kunstverein hier in Bielefeld. Mit ihren eigenen Kindern kamen dann die ersten Porträts, die ich von ihr kennen lernte, hinzu, keine klassischen, vielmehr märchenhaft versponnene, aber gleichzeitig die Persönlichkeit unmittelbar fassende, bündelnde Charakterstudien. Mit ihren „Monuments“, den häufig großformatigen, mit Gegenständen assoziativ und symbolhaft bezeichneten, in Öl gemalten Porträts von Freunden, vielfach von Künstler-Freunden, kam für mich eine abgründige, die Personen ebenso verzerrende wie offenbarende, spielerisch-wahrhaftige Haltung hinzu.

Doch während die „Monuments“ ein Spiel mit den Geschichten und der Geschichte dieser Personen und Personengruppen sind, das auch durch das Vergnügen an der Enträtselung lebt, scheinen mir ihre Aquarellarbeiten noch einen Schritt weiter zu gehen. Durch die Technik der Ölfarbe in den „Unsterblichen“ und in den „Monuments“, das langsame, sozusagen „schreitend“ vorangehende Malen in Öl, erscheinen die Details „lesbarer“, während in der per se schnellen, leichten, unkorrigierbaren Aquarelltechnik die Möglichkeit und die Notwendigkeit zur Improvisation und Intuition größer ist. So kann sich aus einem unkontrollierten Farbspritzer ein Stachelgewand entwickeln, aus einer feuchten Fläche ein Kokon. Das Aquarell lässt den Zufall zu – wenn man ihn einlässt.

Und Elisabeth Masés Aquarelle haben eine souveräne Leichtigkeit erreicht, die beides zulässt: Kontrolle und Zufall, Plan und Entäußerung. Der rote Faden hält zusammen, was auseinanderzudriften scheint, die collagierten Zeitungsausschnitte kommentieren und kontrollieren die Figuren. Die souveräne Selbstverständlichkeit, das entspannte Zulassen des Schrecklichen neben dem hinreißend Schönen, das spielerische Ausprobieren des Unmöglichen, das durchaus extrovertierte Entäußern des Inneren, das scheint mir die einzigartige Qualität dieser Arbeiten zu sein: zwischen Empathie und Anarchie. Dabei hat man nie das Gefühl, dass die Künstlerin etwas „bearbeitet“ im Sinne einer gemalten oder gezeichneten Autobiographie etwa, vielmehr findet sie allgemeine Formen für etwas Untergründiges, Subkutanes, dass wir häufig nicht zulassen möchten, stört es doch die sorgsam aufrecht erhaltene Fassade. Wenn in Elisabeth Masés Arbeiten das Unfassbare, das Grauen, das Monströse eindringt in die „heile“ Kinderwelt etwa, dann hat das nichts Destruktives, vielmehr etwas Heilendes: „Die dunklen Kräfte bannen, in denen man ihnen ein Bild gibt“, sagte sie mir, „ich will das Böse mit dem Schrecken vertreiben und darüber lachen können.“

Eine Haltung, die an andere Künstlerinnen denken lässt wie an Louise Bourgeois, die ebenfalls aus dem Persönlichsten das Universelle herauszukitzeln verstand; genauso wie vielleicht an die große Porträtistin Marlene Dumas, die in ihren Porträts das Innere der Porträtierten zum Leuchten zu bringen versteht. Aber gleichzeitig auch eine Frechheit und karikaturhafte Drastik, die an Aquarelle von George Grosz oder Rudolf Schlichter erinnern kann. Eine Haltung, in der die Künstlerin lässig-zwingend das Muttersöhnchen mit seiner „HELL O MAMA“ evoziert, wie sie auch dem düster-verschreckten Mädchen neben dem schwärzlichen Phallus-Baum ein flirrend-unheimliches „Pfui“ überschreibt.

Von „HELL O MAMA“ zu „Papa pfui“: Für diese abgründige Leichtigkeit und lässige Genauigkeit, diese selbstverständlich wirkende, dabei sezierend analytische Gedankenschärfe bleibt mir nur, der Künstlerin ein tief empfundenes, sehr bewunderndes „Elisabeth pfui!“ zuzurufen.

Christiane Heuwinkel, 18.9.2011